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Die Kraft kleiner Augenblicke

– Presseartikel von Dorothee Dorschel am 06.01.2026 im Odenwälder Boten –

Theaterstück „Sekundenglück“ erzählte von Demenz, Erinnerungen und Gefühlen

„Das spricht mir aus der Seele“, sagte eine Besucherin. Eine andere, fast fassungslos: „Genauso ist es. Wie bei uns. Das haben wir auch alles erlebt.“ Ein Wiederkennen von ganz typischen Situationen gab es beim im Richer Saalbau aufgeführten Stück „Sekundenglück“, ein „Gesehen werden“ auch. Und die Erkenntnis, man ist nicht allein. 

Ein musikalisches Theaterstück über das Vergessen und Erinnern: Das Stück „Sekundenglück“ hat bewegt. Sehr persönlich, nahegehend, klargemacht, dass es möglich ist, mit Demenz leben zu lernen. Positive Seiten in schwierigen Situationen zu erkennen, das Glück oder die Chance zu begreifen, besondere, flüchtige Momente einzufangen.

Einem immer noch tabuisierten Thema mit Leichtigkeit zu begegnen, bei allem Ernst den Humor zu behalten und doch einen Nerv getroffen zu haben scheinen die Ensemblemitglieder der Theatergruppe „Wolkensprünge“. Dazu hatten sich im Vorfeld Interessierte, Angehörige sowie Spielerinnen und Spielern der Groß-Umstädter „Theaterwerkstatt“ im Workshop „Vergiss mein nicht“ intensiv dem Thema angenähert. Improvisiert, Biografiegespräche geführt, Interviews mit Pflegekräften, Einblicke aus der Musiktherapie erhalten und Erfahrungen eines Demenzsimulators gemacht.

Sekundenglück Plakat - Ein musikalisches Theaterstück über das Vergessen und Erinnern.

Begleitet von Theaterpädagogin Nadine Hilbert und Expertin Bianca Syhre von „Risus“ Demenzcoaching wurden verschiedene Szenen erarbeitet, zu einem stringenten Stück zusammengefügt, in einem gemeinsamen Prozess mit der A-Cappella-Gruppe „vocalissimo“ berührende Geschichten, aber auch Momente zum Lachen und Freuen geschaffen. Tränen kamen und Herzen flossen über, fast, so schien es, war im Zuschauerraum wirklich jeder auf irgendeine Weise betroffen.

In zehn Szenen nahm man an typischen Alltagssituationen teil, etwa an einer Autofahrt oder dem Aufenthalt im Wartezimmer, beim Einkaufen oder in Essenssituationen. So viele Botschaften in einem Theaterstück, alle ohne einen einzigen erhobenen Zeigefinger, die sagten: Wenn man es nur sucht, kann man auch finden, was immer noch verbindet, was bleibt, wenn Erinnerungen verblassen. Auch ein dementer Mensch hat Gefühle und Bedürfnisse. Dass die Kommunikation sich zwar verändert mit Demenz, aber doch möglich bleibt, wenn auch anders.  

Von der ersten Szene an, in der zunächst kleine Anzeichen des Vergessens auftraten, zur Diagnose, ab der das Ungewisse einen Namen hat, bis zur Ankunft im Pflegeheim: Der Zuschauer erlebte und fühlte mit, wie gewohnte Routinen zur Herausforderung werden und das Verhalten von Menschen mit Demenz Angehörige an ihre Grenzen bringt, widersprüchliche Gefühle hervorruft.   

Sekundenglück Szene 1
Mit „Sekundenglück“ zeigte die Theatergruppe Wolkensprünge ein eindringliches Stück über das Vergessen und Erinnern, über das Thema Demenz. Bild und Text: Dorothee Dorschel
Sekundenglück Szene 2
Der A-Cappella-Chor „vocalissimo“ begleitete, unterstützte und bereicherte die Aufführung des Theaterstücks „Sekundenglück“ auf der Bühne des Richer Saalbaus. Bild und Text: Dorothee Dorschel

Darstellerisch sehr gut wurde rübergebracht, wie jemand immer mehr zu versinken, mit verlorenem Blick anderswo zu sein scheint, das Umfeld verständnislos reagiert. Mit fortschreitender Vergesslichkeit und voller Wucht war sie dann da, mittendrin, mit dabei, die Demenz in Menschengestalt, die eindringlich zum Zuschauer sprach, kein Bazillus, kein Virus, keine Krankheit: „Ich bin schon da“, sagte sie. „Ich bin das Bild im Nebel. Ich bin langsamer Abschied, nicht das plötzliche Ende.“    

Eine Fülle von Gefühlen wurde authentisch dargestellt von Enttäuschung bis zu Überforderung, auch Aggression. Nicht nur für Betroffene, sondern auch für Angehörige bringt Demenz viel Unsicherheit und Furcht. Wut, Hilflosigkeit und Angst trafen sich, personifiziert auf der Bühne, dazu gesellte sich die Schuld und schließlich die Scham.

Mitunter nur schwer zu ertragende Momente gab es, Emotionen der Angehörigen und des gesamten Umfelds, neben Unverständnis, Ungeduld, Ignoranz, und Genervtsein auch Zärtlichkeit und Liebe. Fast erleichtert manchmal klatschte das Publikum dankbar mit, froh, dass der Gesang zwischendurch auflockerte. Kostbare Momente, die einzigartigen Tausendstel-Momente  – die Kraft des Augenblicks einzufangen wie im Lied „Sekundenglück“ von Herbert Grönemeyer. Dem Chor gelang das, und zu gern feierte das Publikum die Auftritte des herausragenden, fünfköpfigen A-Cappella-Ensembles „vocalissimo“, das eine großartige musikalische Bereicherung darstellte. In idealem Zusammenspiel, in Harmonie und manchmal auch mit Reibungspunkten.

So wohlüberlegt eingesetzt und mit viel Feingefühl ausgewählt waren die Lieder in sensationellen Arrangements, Lieder aus völlig anderen Zusammenhängen bekannt, die aber hier in diesem einzigartigen Projekt durchaus Sinn ergaben, einfach passten. Und auf herausragende, mitreißende Art präsentiert wurden.

Laien sind hier in die Welt des Theaters eingetaucht, haben unter der Leitung von Theaterpädagogin Hilbert und fachlich begleitet von Demenzcoach Syhre persönliche Erfahrungen und Emotionen in den Mittelpunkt gestellt. Was dabei herausgekommen ist, beeindruckte mit hohem Niveau. Mehr als erreicht haben die Mitwirkenden ihr Ziel, Aufklärung, Prävention und Sichtbarkeit zu schaffen und dabei einen leichten Umgang mit dem Thema Demenz zu ermöglichen. Es gelang ihnen, ein tieferes Bewusstsein für die Herausforderungen zu entwickeln, die mit dieser Erkrankung einhergehen. Verständnis tut not, Geduld und Liebe. Um am Ende mit der tröstenden Erkenntnis rauszugehen: Das Herz wird nicht dement. Menschen sind mehr als ihr Intellekt. Gefühle bleiben. Und mit ihnen die Fähigkeit, Nähe zu spüren, Freude zu empfinden, berührt zu werden. In ganz einfachen Augenblicken liegt der Schlüssel – Menschlichkeit.  

Schon lange ausgebucht waren an beiden Tagen die Vorstellungen im Saalbau, alle Besucher durchweg genauso betroffen wie begeistert. „Ich hatte einen Kloß im Hals“, so ging es wohl nicht nur einer Zuschauerin, die das sagte. „Das ging verdammt nah“, ein anderer.  

Dass diese Vorstellung möglichst wiederholt werden und am besten ganz vielen anderen Zuschauern nahegebracht werden sollte, scheint unabdingbar. Ein Stück auf dem Weg zu einem offeneren Bewusstsein und mehr Mitgefühl mit dementen Menschen und ihren Angehörigen. In einem aufwendig gemachten, sehr aufschlussreichen und impulsgebenden Begleitheft finden sich viele wertvolle Informationen zum Thema Demenz. Die kleine Fotoausstellung am Rande – „Geschichtenerzähler“ – während der Pause, und konkrete Hilfs- und Beratungsangebote in der Umgebung trugen ebenfalls zu einem großen Ganzen bei, das dieses Theatererlebnis rund machte.

Sekundenglück Gruppenbild
Großartiger Erfolg der Theatergruppe „Wolkensprünge“ und des A-Cappella-Chors „vocalissimo“ mit dem Stück „Sekundenglück“ im Richer Saalbau. Bild und Text: Dorothee Dorschel

Das Theaterstück wurde von der Bürgerstiftung finanziell gefördert.